Schlaf im Mohn
Im Traum erwachte ich im Krieg,
Sperrfeuer mich umschloß,
Ich kroch und rannte, sank und stieg;
Von überall man schoß.
Nach meiner Mutter rief ich laut,
Vom Gasdämon gehetzt;
Schon hatten Kugeln mir die Haut
Vom Schädel abgefetzt.
Ich schleppte weiter mich und schrie:
"Wir könnten Brüder sein!" -
Als Antwort eine Batterie
Geschosse schlugen ein.
Rauch, Brand, Gestank, Metallgekreisch
Ihr dunkles Heil verspien,
Entrissen brüllend mir mein Fleisch;
Die Sonne nicht mehr schien!
Da war ein Streif aus Mohn, gesät
Vom Himmel, und ich sprang
Auf sein purpurnes Sammetbeet,
Mir war, als ob er sang:
"Ich bin wie Du! Wir beide sind
Verloren, blutig, klein,
In fremdem Land nur Rauch im Wind.
Jetzt kehre bei mir ein.
Mein Duft soll sein dein letzter Kuß,
Mein Atem deckt dich zu,
Bald hörst Du weder Schrei noch Schuß,
Nun schlafe, schlafe Du."
Preis gab der Himmel einen Spalt,
Zwei Schwalben flogen tief,
Ich weiß nicht, ob ihr Gruß mir galt -
Ich sah sie an und schlief.
ORPLID
FRAU A: Herrmann...
HERR A: Ja...
FRAU A: Was machst du da?
HERR A : Nichts.
FRAU A: Nichts? Wieso nichts?
HERR A: Ich mache nichts.
FRAU A: Gar nichts?
HERR A: Nein... (Pause)
FRAU A: überhaupt nichts?
HERR A: Nein... Ich sitze hier...
FRAU A: Du sitzt da?
HERR A: Ja.
FRAU A: Aber irgendwas machst du doch?
HERR A: Nein...
(Pause)
FRAU A: Denkst du irgendwas?
HERR A: Nichts besonderes...
FRAU A: Es könnte ja nicht schaden, wenn du mal etwas spazieren gingest...
HERR A: Nein... nein...
FRAU A: Ich bringe dir deinen Mantel!
HERR A: Nein, danke.
FRAU A: Aber es ist zu kalt ohne Mantel!
HERR A: Ich gehe ja nicht spazieren.
FRAU A: Aber eben wolltest du noch...
HERR A: Nein. du wolltest, daß ich spazieren gehe.
FRAU A: Ich? Mir ist es doch völlig egal, ob du spazieren gehst!
HERR A: Gut.
FRAU A: Ich meine nur, es könnte dir nicht schaden, wenn du mal spazieren gehen würdest..
HERR A: Nein, schaden könnte es nicht...
FRAU A: Also, was willst du denn nun?
HERR A: Ich möchte hier sitzen..
FRAU A: Du kannst einen ja wahnsinnig machen!
HERR A: Ach...
FRAU A: Erst willst du spazieren gehen... dann wieder nicht... dann soll ich deinen Mantel holen... dann wieder nicht... - was denn nun?
HERR A: Ich möchte hier sitzen...
FRAU A: Und jetzt möchtest du plötzlich da sitzen!
HERR A: Gar nicht plötzlich. Ich wollte immer nur hier sitzen... und mich entspannen..
FRAU A: Wenn du dich wirklich entspannen wolltest, würdest du nicht dauernd auf mich einreden!
HERR A: Ich sag ja nichts mehr...
(Pause)
FRAU A: Jetzt hättest du doch mal Zeit, irgendwas zu tun, was dir Spaß macht...
HERR A: Ja...
FRAU A: Liest du was?
HERK A: Im Moment nicht..
FRAU A: Dann lies doch mal was!
HERR A: Nachher... nachher vielleicht...
FRAU A: Hol dir doch die Illustrierten!
HERR A: Ich möchte erst noch etwas hier sitzen...
FRAU A: Soll ich sie dir holen?
HERR A: Nein, nein, vielen Dank...
FRAU A: Will der Herr sich auch noch bedienen lassen, was?
HERR A: Nein, wirklich nicht...
FRAU A: Ich bin den ganzen Tag auf den Beinen! Du könntest doch wohl einmal aufstehen und dir die Illustrierten holen!
HERR A: Ich möchte jetzt nicht lesen...
FRAU A: Dann quengle doch nicht so rum!
HERR A: (schweigt)
FRAU A: Hermann?
HERR A: (schweigt)
FRAU A: Bist du taub?!
HERR A: Nein, nein....
FRAU A: Du tust eben nicht, was dir Spaß macht! Statt dessen sitzt du nur da!
HERR A: Ich sitze hier, weil es mir Spaß macht...
FRAU A: Sei doch nicht gleich so aggressiv!
HERR A: Ich bin doch nicht aggressiv...
FRAU A: Warum schreist du mich dann so an?!?!
HERR A: (schreit) Ich schreie dich nicht an!
FRAU A: Du schreist doch!!!!
HERR A: Nein!!!!
HERR A: Halt's Maul!
FRAU A: Raus! Ich verlasse Dich! Für immer!
Wenn man als Psychiater und Psychotherapeut abends die Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert. Da geht es um
Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Wirtschaftskriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Egomanen - und niemand
behandelt die.
Ja, solche Figuren gelten sogar als völlig normal. Kommen mir dann die Menschen in den Sinn, mit denen ich mich den Tag
über beschäftigt habe, rührende Demenzkranke, dünnhäutige Süchtige, hochsensible Schizophrene,
erschütternde Depressive und mitreißende Maniker, dann beschleicht mich mit unter ein schlimmer Verdacht: wir behandeln
die Falschen! Unser Problem sind nicht die Verrückten, unser Problem sind die Normalen!
Gabs nicht mal irgendwo ein Thema "Buchempfehlungen"?
Naja, stell ichs eben hier rein. Ich empfehle Joachim Fernau, kurzweilige sarkastische, zum Teil bitterböse Betrachtungen der Geschichte. Auch für diejenigen geeignet, die sich sonst nicht hauptberuflich für Geschichte interessieren, man bekommt einen einfachen und unterhaltsamen Überblick über bestimmte geschichtliche Themen geboten.
Einzelne Titel, die auf jeden Fall zu empfehlen sind:
Disteln für Hagen.
Halleluja. Die Geschichte der USA.
"Deutschland, Deutschland über alles..." Von Anfang bis Ende.
Cäsar lässt grüßen. Die Geschichte der Römer.
Rosen für Apoll. Die Geschichte der Griechen.
Die Nacht im Winter
Auf breiter Berge steiler Treppe
Rauscht sturmdurchflüstert stolz dahin
Die schwarze Riesenseidenschleppe
Der Nacht, der kalten Königin.
Von tausend Flittern ist durchflimmert
Ihr Kleid, sonst allen Schmuckes bar,
Ein schmaler, heller Halbmond schimmert
Im reichen, bläulichschwarzen Haar.
Zwei kühle Silbergletscher leuchten
Aus ihrem schwarzen Kleid hervor,
In ihrer kalten, eisig feuchten
Umgebung manches Herz erfror.
Vornehm und stolz - kein Zug von Wonne
Spielt in dem Antlitz kalt und tot -
Wer kennt die rote, heiße Sonne,
Die hinter jenen Gletschern loht?
Hermann Löns, 1866-1914
Das Gedicht hat einen schönen und düsteren Charakter. Es erinnert mich an eine Textstelle, die ich mal bei Beer-Hofmann gelesen habe:
"So hätte es sein müssen - das Glück. Ihm war, als wüßte er es nahe - dort drüben hinter den Nebeln, die vor dem weißen Talspalt rannen; und wie sie jetzt rissen, sah er es in weißen Wolken deutlich - ganz deutlich: Ein schmales Hochtal; klichte Wiesen zwischen weißgeballte Berge geengt, die jäh erstarrtes Leben schienen, nicht toter Stein. Große Falter mit feierlich sich breitenden Flügeln schwebten regungslos über hoch und schlankgestieleten Blumen, die farblos wuchsen; und er wußte, daß die dunkelten, wenn man ihrer vergaß, und licht duftend wurden, wenn man lange voll Liebe sich über sie neigte.
Weither vom Ende des Tals, wo die Berge sich schlossen, leuchteten weiße Gewänder - weißer als die weißen Berge und lichten Wiesen ringsum; und er wußte wiederum, daß es so sein mußte. Denn über allem, was er sonst sah, so blaß es schien, lagen noch die warmen dunkelnden Schatten des Lebens; aber was sich um den dürftigen Leib dort weich und taudurchfeuchtet legte, war ein Sterbekleid und trug das blendende Weiß, zu dem der Tod die Knochen bleicht und in dem vereiste Welten sterben; und war Seide - totes seidenes Gespinst von ungeborenen Faltern, und dunkle Falter glitten ruhlos suchend um seinen Saum. Weit in den Nacken zurückgeworfen, als zöge es die schwere Flut der dunklen Haare dahin, war das Haupt. Nichts von dem, was um sie war, konnte sie sehen; über alles Nahe hinweg ging unter halbgesunkenen Lidern der Blick ihrer Augen - die wie honigfarbener Bernstein leuchteten - zu ihm. Sie schien regungslos und kam doch näher. Mit geschlossenen Füßen glitt sie über die Wiesen, als triebe sie ein leichter Wind ihm zu, und wie sein eigener Atem tief und schwer ging, war es ihm, als söge er sie mit jedem Atemzug an sich heran. Und weiße verwehte Blüten von Bäumen, die er nicht sah, schwebten langsam herab und sanken in ihr dunkles Haar - und doch nicht Blüten - es mußte Schnee sein; denn zwei große Flocken, verästelten weißen Sternen gleich, fingen sich in den langen weichen Wimpern ihrer Augen, und zergingen und rannen zögernd über ihre heißen Wangen - wie große Tränen.
Er fühlte, wie es kühl über seine Wangen glitt, und schrak zusammen; aber es war nur ein Tropfen von den vielen, die zitternd an den Spitzen der dunklen Blätter über ihm hingen, und das darüber waren nur Wolken, die sich ballten und verinnend lösten - und was er als Sehnsucht empfand, vielleicht nur müde Zärtlichkeit, ehe der Schlaf kam. Er fürchtete, ihn zu verscheuchen. Langsam schritt er längs des Wassers zurück, mit schweren schlafdurchtränkten Gliedern, die er trug, als wären sie fremde Last. Unter seinen trägen Schritten wich manchmal der weiche feuchte Kies und sprühte mit leisem gläsernem Klang ins Wasser. Das reiche wogende Drängen seiner Gedanken war vorbei; lässig wiegten sie sich nur zwischen der Frau, die er dort in den Wolken gesehen, und dem Mädchen, das ihn vorhin im Vorübergehen gestreift. Wie sie sich glichen! Wie kam es, daß er der einen die Züge der anderen lieh? War das Liebe, die so begann?"
Ist nicht Jedermanns Sache, diese aufgeplusterte Sprache der Ästhetizisten, aber ich mag das. Großartig ist auch Baudelaire:
"Segen
Wenn nach des Himmels mächtigen Gesetzen
Der Dichter kommt in diese müde Welt,
Schreit seine Mutter auf, und voll Entsetzen
Flucht sie dem Gott, den Mitleid selbst befällt.
»Warum gebar ich nicht ein Nest voll Schlangen,
Statt diesem Spottgebild verwünschter Art!
Verflucht die Nacht, in der mein Bauch empfangen,
Da flüchtiger Lust so bittre Strafe ward!
Was wähltest du mich aus von allen Frauen,
Dem blöden Mann zur ekelvollen Wut,
Was werf' ich nicht die Missgeburt voll Grauen
Gleich einem Liebesbrief in Feuersglut!
Doch ich will deinem Hasse nicht erliegen,
Ich wälz' ihn auf das Werkzeug deines Grolls
Und will den missgeratnen Baum so biegen,
Dass keine Frucht entspringt dem faulen Holz.«
So presst sie geifernd ihren Grimm zusammen,
Nichts ahnend von des Himmels Schluss und Rat,
Und schürt sich in Gehenna selbst die Flammen
Für ihre mütterliche Freveltat.
Indessen zieht ein Engel seine Kreise,
Und der Enterbte blüht im Sonnenschein,
Und zu Ambrosia wird ihm jede Speise
Und jeder Trank zu goldnem Nektarwein.
Zum Spiel taugt Wind ihm, Wolken und Gestirne,
Berauscht von Liedern zieht er durch sein Reich,
Und traurig senkt der Engel seine Stirne,
Sieht er ihn sorglos, heitern Vögeln gleich.
Denn alle, die er liebt, voll Scheu ihn messen;
Weil seine Sanftmut ihren Groll entfacht,
Versuchen sie ihm Klagen zu erpressen,
Erproben sie an ihm der Rohheit Macht.
Sie mischen eklen Staub in seine Speisen,
Beschmutzen jedes Ding, dem er sich naht.
Was er berührt, sie heuchelnd von sich weisen,
Und schreien »wehe«, kreuzt er ihren Pfad.
Auf öffentlichem Markt, wie eine Dirne,
Höhnt laut sein Weib: »Da mir sein Beten gilt,
So will ich auch vom Sockel bis zur Stirne
Vergoldet sein gleich einem Götzenbild.
Berauschen will ich mich an Weihrauch und Essenzen,
An Wein und Huldigung mich trinken satt,
Und da er göttergleich mich will bekränzen,
Werd ich beherrschen ihn an Gottes Statt!
Und will die Posse mir nicht mehr gefallen,
Pack' ich ihn mit der schwachen, starken Hand,
Mit meinen Nägeln wie Harpyenkrallen
Zerfleisch ich ihn, bis ich sein Herze fand.
Gleich einem jungen Vogel fühl' ichs zittern,
Zuckend und rot wird's meiner Hände Raub,
Und um mein Lieblingstier damit zu füttern,
Werf ich es voll Verachtung in den Staub!«
Zum Himmel, zu dem ewigen Strahlensitze
Hebt fromm der Dichter seine Hände auf,
Und seines lichten Geistes weite Blitze
Verhüllen ihm des Volks blindwütigen Häuf:
»Dank, dir, o Gott, der uns das Leid liess werden,
Das uns erlöst aus tiefer Sündennacht,
Das reine Elixier, das schon auf Erden
Die Starken deiner Wonnen würdig macht!
Dem Dichter wahrst du deiner Sitze besten
Inmitten seliger Legionen Schar,
Ich weiss, du lädst ihn zu den ewigen Festen
Der Herrlichkeit und Tugend immerdar.
Ich weiss, nicht Welt noch Hölle macht zum Hohne
Den einzigen Adel, den der Schmerz verleiht.
Ich weiss, auf meinem Haupt die Wunderkrone
Muss leuchten über Welt und Ewigkeit.
Ich weiss, dass Schätze, die versunken schliefen,
Dass Gold und Edelstein aus finstrem Schacht,
Dass Perlen, die du hebst aus Meerestiefen,
Nicht würdig sind für dieser Krone Pracht.
Denn sie ward aus dem reinsten Licht gesponnen,
Das der Urflamme heiliger Herd besass,
Des Menschen Blick, die leuchtendste der Sonnen
Erlischt vor ihrem Glanz wie mattes Glas."
Charles Baudelaire
Aus der Sammlung Die Blumen des Bösen
So, jetzt habe ich alle erschlagen und ich werde vermutlich für diesen Thread gesperrt... Sorry dafür!
Von all den Wüschen auf der Welt
nur einer mir anjetzt gefällt
KNÜPPEL AUS DEM SACK !
Und gäbe Gott mir Wunschesmacht,
ich dächte nur bei Tag und Nacht
KNÜPPEL AUS DEM SACK !
Dann braucht ich weder Gut noch Gold,
ich machte mir die Welt schon hold
mit: KNÜPPEL AUS DEM SACK !
Ich wär ein Sieger, wär ein Held,
der erst´ und beste Mann der Welt
mit: KNÜPPEL AUS DEM SACK !
Ich schaffte Freiheit, Recht und Ruh,
und frohes Leben noch dazu
beim: KNÜPPEL AUS DEM SACK !
Und wollt ich selbst recht lustig sein,
so ließ ich tanzen groß und klein
beim: KNÜPPEL AUS DEM SACK !
Oh, Märchen, würdest Du doch wahr,
nur einen einzigen Tag im Jahr
KNÜPPEL AUS DEM SACK !
Ich gäbe drum, ich weiß nicht was,
und schlüge drein ohn´Unterlaß
KNÜPPEL AUS DEM SACK !
Aufs Lumpenpack! Aufs Hundepack!
Hoffmann von Fallersleben